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Dr. Ruth Diehl, 1987 Phantasie + Präzision

„Schmucke“ Kunst von Franziska Kelz-Blank aus Bamberg
in der Bayerischen Landesvertretung, Bonn

von Dr. Ruth Diehl

„Phantasie + Präzision“ ist der Titel einer Ausstellung, die vom 18. September bis zum 7. Oktober 1987 in der Bayerischen Vertretung in Bonn zu sehen ist. Wie die übrigen „Botschaften“ der Bundesländer in der Hauptstadt macht auch Bayern gerne mit wechselnden Ausstellungen auf sein spezifisches kulturelles Leben aufmerksam und neugierig.

Franziska Kelz-Blank, gebürtige Bambergerin, wählte mit dem Motto ihrer Ausstellung von Schmuck, Bildern und Objekten bewußt ein Begriffspaar, das zwei Antipoden zu bezeichnen scheint. Phantasie nämlich als Synonym für eine ausgeprägte, kreative Vorstellungskraft, die die Grenzen der Realität überschreitend, neue Sehweisen und Auffassungen findet. Präzision dagegen bedeutet ja nichts anderes als jene Genauigkeit, die nur mit feinsten Instrumenten und Werkzeugen in exakter Arbeit erreicht wird. Die Synthese aus beidem, nämlich der schöpferischen Dimension und der handwerklichen Perfektion kennzeichnet die Arbeiten von Kelz-Blank.

Die ausgestellten Ketten und Ringe, Nadeln, Broschen-Anhänger und Colliers führen eine Vielfalt an Formen, Oberflächenstrukturen, Fassungen und Farbklängen vor Augen. Dahinter steckt die souveräne Handhabung der einzelnen Arbeitsvorgänge wie Schmieden, Treiben, Löten, Ätzen und Fräsen; oft wird eine Technik erweitert und neuartig angewandt. Dem entspricht der Verzicht auf zweidimensionale Entwurfsskizzen (in der Ausstellung gezeigte Entwurfszeichnungen stammen aus der Studienzeit an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau) zugunsten einer Arbeitsweise, die von der plastischen Idee ausgeht und den Zufall im Arbeitsprozess nicht ausschließt: Experimentierfreude tritt zur Routine hinzu.

Unvoreingenommenheit und Mut zum Durchbrechen der Konvention drückt sich auch in der Wahl der Materialien aus. Es gibt Broschen aus Silber, Perlen und Leder, aus Plexiglas, kombiniert mit vernickeltem Messing; einen Anhänger aus Edelstahl, Gold und Holz. Klare geometrische Formen grenzen hier das unterschiedliche Material voneinander ab und betonen den Kontrast.

Das Prunkstück der Ausstellung dagegen, ein Broschen-Anhänger, zeigt die einzelnen Bestandteile so komponiert, daß jedes Element die Wirkung des anderen unterstreicht: mehrere kleine Federn umspielen ein zartes Schneckengehäuse und nehmen seine Spiralbewegung wieder auf. Schnecke und Federn sind auf den Rand eines raffiniert konstruierten Gitters montiert, das in seiner Zartheit, seiner organischen Struktur und seiner plastischen Verformung mit ihnen korrespondiert. Kleine Steine, scheinbar auf das Gitter gestreut, wiederholen die Schneckenkontur, ein Stein „rutscht“ über den Rand und wird frei beweglich aufgehängt. Der formalen Harmonie folgt der Farbklang. Der filigrane Grund aus Gelbgold, hellgrüne Steine und gelbgrüne Federn weisen auf den Blickfang, das zartgrüne Schneckenhaus. Material und Farbe steigern sich zur Sinnlichkeit.

Diese jüngste Arbeit vereint alle Merkmale der Schmuckstücke von Franziska Kelz-Blank. „Edle“ und „unedle“ Stoffe werden beliebig verwendet, allein ihre physikalischen und ästhetischen Qualitäten sind bei der Auswahl entscheidend. Der Wert eines Schmucks liegt nicht so sehr in der Kostbarkeit. als vielmehr in der Gestaltung begründet. Das ist eine Absage an das hochkarätige Prestigestück, an Schmuck, der zu falscher Repräsentation und als Wertanlage dient.

Schmuck sollte zum „Spielen“, d.h. zum Ausprobieren herausfordern. Ketten mit herausnehmbaren Gliedern erlauben mehrere Variationsmöglichkelten. Kombinationsringe, einzeln oder übereinandergesteckt zu tragen, ergeben unterschiedliche Wirkungen. Broschen können in der Regel auch als Anhänger getragen werden und umgekehrt. Als Resultat einer phantasievollen Reflektion über Schmuck sind in der Ausstellung ein Doppelring vertreten (an zwei nebeneneinander liegenden Fingern zu tragen), ein Männerschmuck, der als Krawattenersatz dient, und ein Kopfreif mit variablen Anhängern. In der Tradition der kinetischen Kunst der 50er Jahre entstehen Ringe und Armbänder mit beweglichen Kugeln, Broschen mit Pendeln und beweglich aufgehängten Perlen oder Steinen.

Kelz-Blank erliegt dabei nie der Gefahr der Spielerei oder des l'art pour l'art. Immer bleiben die Stücke verblüffend angenehm zu tragen. „Schmuck muß organisch auf den Menschen bezogen sein, auf seine Persönlichkeit wie auf seine Anatomie. Erst im Tragen erfüllt sich sein Sinn.“ (Kelz-Blank)

In dieser Bemerkung klingt die Bedeutung der räumlichen Dimension an. Die Räumlichkeit, beispielsweise eines Rings, erschöpft sich nicht im Reif, dem ein Stein aufgesetzt ist, sondern der Ringkopf wächst aus der Ringschiene; beide zusammen bilden eine dreidimensionale Einheit. Dabei entstehen häufig Schnecken- und Spiralformen, die „Urform“ der Arbeiten von Kelz- Blank. Sie hat sie mit Konsequenz und Beharrlichkeit entwickelt als dynamische, spannungsreiche, aber auch als eher tänzerische Körper. Hier, in der plastischen Durchgestaltung jedes noch so kleinen Schmuckstücks liegt die Qualität der Kelz-Blankschen Arbeiten begründet. Sie ermöglicht erst die Entwicklung des raumgreifenden Kopfreifs, die Gestaltung von Dosen und Kannen, von „freien“ Plastiken aus Bronze und Holz oder einer spiralförmigen Brunnenplastik (in der Ausstellung durch ein Foto dokumentiert), die ihren Standort hoch über Bamberg hat.

Und hier ist auch der Einfluß der Heimatstadt zu suchen. Kelz-Blank hat als Kind immer wieder Bamberg durchlaufen, beeindruckt von den wuchtigen Baukörpern des Bamberger Doms und der Neuen Residenz, den gewundenen Säulen der Portalzonen und dem Figurenschmuck im Inneren. Das historische Stadtbild als alltägliche Umgebung und der langjährige Unterricht bei Anna Löffler-Winkler waren für die künstlerische Entwicklung prägend.

Spätestens jetzt stellt sich die Gretchenfrage: Wo ist denn nun wirklich die Grenze gezogen zwischen Plastik und Schmuckstück, zwischen Kunst und Kunsthandwerk? Ist Franziska Kelz-Blank „Kunstgewerblerin“, die bildhauert und malt (Collagen und Farbstudien der letzten Jahre dokumentieren ihre Auseinandersetzung mit Form und Inhalt im Bild), und steht sie damit in der Tradition der Renaissance-Künstler Cellini und Dürer, die aus Goldschmieden hervorgingen?

Oder ist sie wie Henry van de Velde im Bund mit den Gesamtkünstlern des Jugendstils als eine Künstlerin zu verstehen, die sich zum Alltagsgegenstand herabläßt? Oder drängt sie wie Gropius der soziale Impetus, „die hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern“ (Bauhaus-Manifest 1919) einzureißen und Form mit Funktion zu verwechseln?

Der Kampf zwischen dekorativem Beiwerk und autonomem Objekt hält seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert an, wo mit dem Verlust der höfischen Auftraggeber die Spaltung in „frei“ und „angewandt„ einsetzt. Spätestens seit den 70er Jahren unseres Jahrhunderts, wo Performance und Video-Kunst mit den klassischen Kunstgattungen aufräumen, ist die Frage, ob etwas „Kunst“ sei, von der Gattung emanzipiert.

Allein die Qualität einer Arbeit, ihre Kraft und ihre Eigenständigkeit — und das führt uns zur Ausstellung von Franziska Kelz-Blank zurück — kann diese Frage entscheiden.

Dr. Ruth Diehl


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