General Anzeiger
 
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Ein volksnaher Gelehrter
ohne Hochmut und Dünkel

 

GEBURTSTAG   Vor 100 Jahren wurde der Bonner
Kunsthistoriker Heinrich Lützeler geboren


Von Frank-Lothar Kroll 
 
Die Bindung an seine rheinische Heimat hat der am 27. Januar 1902 in Bonn geborene Heinrich Lützeler stets als einen unverzichtbaren Teil seines Wesens und zugleich als Antrieb für sein weltenumspannendes Schaffen empfunden: Die atmosphärische Verbundenheit mit dem Rheinland wurde durch seine Herkunft aus einer Arbeiter- und Handwerkerfamilie noch verstärkt. Der Vater war Porzellanmaler. Nach dem Verlust seiner beruflichen Anstellung betätigte er sich als Coupletsänger, Schlagertexter und Gelegenheitsarbeiter. Für den Sohn war eine Ausbildung in der großbürgerlich geprägten Universitätsstadt nicht leicht. Im Jahre 1921 immatri­kulierte sich Lützeler mit den Fächern Philosophie, Kunstgeschichte und Literatur­wissenschaft an der Bonner Universität. Hier fand er in Max Scheler, Paul Clemen und Oskar Walzel akademische Lehrer, die ihm alle Möglichkeiten zur freien geistigen Entfaltung boten. Lützeler hat sich ihrer stets dankbar erinnert.

Im Alter von 22 Jahren schloss er seine Bonner Studienzeit mit einer Dissertation über „Formen der Kunsterkenntnis“ ab. Die Arbeit, ursprünglich zur Annahme im Fach Kunstgeschichte vorgesehen, war den Kunsthistorikern „zu philosophisch“. Lützeler wechselte daraufhin das Hauptfach und wurde unter Adolf Dyroff in Philosophie promoviert.

Die Jahre bis zu seiner Habilitation, die er 1930 mit einer Schrift über „Grundstile der Kunst“ abschloss, überbrückte Lützeler unter anderem als Theaterkritiker und Vortragsreisender. Danach wirkte er als Privatdozent der Philosophie an der Bonner Universität. Bald jedoch bedrohten politisch bedingte Gewitterwolken die akademische Existenz. Wegen seiner christlich motivierten Gegnerschaft zur nationalsozialistischen Rassenlehre und seines mutigen Eintretens für zahlreiche jüdische Freunde entzogen ihm die Nationalsozialisten 1940 die Venia Legendi. 1942 erhielt er Rede- und Schreibverbot für ganz Deutschland. Seine am 29. Februar 1940 gehaltene Abschiedsvorlesung „Vom Beruf des Hochschullehrers“ wurde nicht nur von seinen Studenten als Vermächtnis empfunden, sondern – geheim gedruckt und illegal verbreitet – weit über die Grenzen Bonns hinaus gelesen: ein Bekenntnis zur unzerstörbaren Schöpferkraft des Geistes und zum Mut aus der Freiheit dessen, der die Wahrheit erkannt hat.

Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ stellte sich Lützeler – im letzten Kriegsjahr von Verhaftung und Deportation bedroht – sofort für die Neubelebung der funktionsunfähig gewordenen Bonner Universität zur Verfügung. Anfang Juni 1945 wurde er durch die britische Militärregierung wieder in seine akademischen Rechte eingesetzt, im Dezember 1945 zum außerplanmäßigen, im August 1946 zum ordentlichen Professor der Kunstgeschichte und zum Direktor des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn berufen. Damit begann der nach außen erfolgreichste Abschnitt seines Lebens, in dessen Verlauf er – vor allem durch seine an ein breites Publikum gerichteten öffentlichen Abendvorlesungen – lange Zeit als eine Art personifizierte Kulturinstitution der Bundeshauptstadt gewirkt hat.


Lützeler 1978  

Heinrich Lützeler:
 
„Jeder spricht mit jedem.
Das ist die dem Rheinländer angeborene Form der
Demokratie“

 
 


Seine große Popularität gründete zum einen in der Gabe, fachwissenschaftliche Sachverhalte rhetorisch fesselnd und auf einfache, aber stets reflektierte Weise darzustellen. Zum anderen ergab sie sich aus der Tatsache, dass Heinrich Lützeler selbst ein volksnaher Mann gewesen ist: ohne Hochmut und Dünkel. Entscheidend war für ihn nicht die gesellschaftliche Stellung, sondern der persönliche Rang seines jeweiligen Gegenübers. Auf dieser Basis war dann leicht eine produktive Ebene zwischenmenschlicher Verständigung gefunden und jener Umgangston erreicht, den Lützeler einmal scherzhaft als sein Kommunikationsideal formuliert hat: „Jeder spricht mit jedem. Das ist die dem Rheinländer angeborene Form der Demokratie.“

Neben diesem weithin respektierten Wirken in der öffentlichkeit stand Lützelers Einsatz für die äußeren und inneren Belange der Bonner Universität nach 1945. Zweimal – 1954/1955 und dann erneut, in unruhiger Zeit, 1967/1968 – amtierte er als Dekan der Philosophischen Fakultät. Mit großem persönlichen Engagement und organisatorischem Weitblick war er ab Mai 1945 als Mitglied, seit 1954 dann 17 Jahre lang als Vorsitzender der Bau- und Grundstückskommission maßgeblich am Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Universitätshauptgebäudes beteiligt.

Auch nach seiner Emeritierung 1970 blieb Lützeler in Forschung und Lehre präsent. Er wurde sogar noch einmal Direktor eines neugegründeten Universitäts­seminars. Bereits 1967 hatte er aus Spendenmitteln und eigenen Vermögenswerten eine „Forschungsstelle für Orientalische Kunstgeschichte“ gegründet, die 1974 in ein selbständiges Seminarinstitut umgewandelt werden konnte, und das er als Gründungsdirektor bis 1985 leitete. Auch danach war er weiterhin mit Vorlesungen und übungen an ihm tätig. In diesem Wirkungsfeld hat ihn seine letzte Schüler­generation erlebt: Fleißig, selbstdiszipliniert und von einem unermüdlichen, oft bis an die Grenze körperlicher Leistungskraft führenden Arbeitsethos empor­gehalten, hilfsbereit, pflichtbewusst, zuverlässig und stets verfügbar.

Die ihn trotz aller Popularität zuletzt umgebende Einsamkeit – der Kreis derer, die ihm sorgend nahe standen, war nach dem Tode seiner Frau Marga im Jahre 1979 verschwindend klein – hat er als schmerzliche, aber wohl auch schicksalhaft menschliche, den Kreis seines von Melancholie und Traurigkeit nicht freien Lebens symbolhaft schließende Erfahrung empfunden. Am 13. Juni 1988 ist er 86-jährig in einem Bonner Krankenhaus gestorben.